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Память сердца

Kapitonow Michail Alexandrowitsch. Sehen und erleben: lebendige Geschichte der Blockade (Tscherentzowa Xenija)

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Kapitonow Michail Alexandrowitsch

 

Sehen und erleben: lebendige Geschichte der Blockade

Wie ist das Gedenken an die Blockade zu bewahren? Städtische Feierlichkeiten, Fernseh- und Radiosendungen, öffentliche Maßnahmen anlässlich dieses oder jenes Datums… Das und viel anderes soll unser Leben im neuen Jahrtausend begleiten, aber die Zeit lässt mit unbarmherziger Hartnäckigkeit die Details jener Tage verschwinden, die in den privaten Geschichten der Augenzeugen der Blockade versteckt sind. Wir bieten Ihnen eine davon an. Machen Sie sich bekannt: Michail Alexandrowitsch Kapitonow.

— Michail Alexandrowitsch, wie kamen Sie auf “Arsenal”?

— Als die Blockade begann, war ich 15 Jahre alt. Unsere Familie (ich, Vater und Mutter) wohnten unweit von hier auf der Shukow-Straße. So blieb es bis Winter 1942. Er war für uns am schwierigsten. Uns retteten Schuppen, die neben unserem Haus gestanden hatten. Als der Krieg ausbrach, befahl man sie niederzureißen, alles, was darin sich befand, legte man in einen Haufen zusammen. Andere Einwohner wurden evakuiert, und wir blieben allein. Mit dem Holz war es viel wärmer. Auf dem Herd konnte man Wasser kochen. Man trank heißes Wasser und fügte etwas Salz hinzu, damit es leckerer war. Man briet seine 125 g Brot… Davon haben wir einmal drei Tage gelebt. Bäckereien funktionierten nicht, sogar diese 125 g konnte man nicht bekommen, es gab gar nichts. Das geschah im Dezember 1941.  

Im Januar 1942 wurde mein Vater vermisst. Im März 1942 kam Mutter in die Krankenstation für diejenigen, die an Dystrophie litten, dort starb sie im Mai. Einmal erzählte mir eine Nachbarin (unser Haus war schon niedergerissen und ich wohnte auf der Rubinstein-Straße), dass auf dem Werk N 7 Arbeitskräfte eingestellt werden (seit Februar bekamen die Arbeiter mehr Brot). Ich kam in die Personalabteilung. Der Personalleiter fragte: „Wohin?“ — Ich antwortete: „Irgendwohin“. — „Kletterst du auf die Dächer?“ — „Ja“. — „Dann wirst du Dachdecker“. So kam ich in die Kommunalabteilung. Das war am 10. April. Den ersten Monat arbeitete ich mit den Frauen, wir räumten das Wohnheim auf dem Arsenalnaja Kai auf. Danach schickte mich mein Chef, damit ich etwas erlernte, in die Wärmeabteilung — Kesselraum, Kompressorraum, Wasserleitung …

Zuerst fiel es schwer, sich auf der Gegend zu orientieren, weil die Gebäude von “Arsenal” auf einem großen Territorium zerstreut sind. Netze waren unsicher, ständig entstanden neue Lecke, unter anderem wegen des Bombardierens. Es kam vor, dass bei den Havarien erwachsene Fachleute kamen und alles Nötige machten, aber Lecke blieben. Mit der Zeit erwarb ich nötige Erfahrungen.

— Sie kamen auf das Werk als ein 15-jähriger Junge. Im Krieg wird man früh erwachsen, aber in diesem Alter ist man noch Kind. Wie verhielten sich Erwachsene zu Ihnen?

— Als ich auf das “Arsenal” kam, betreute mich der Meister Dmitrij Pawlowitsch Golubkow. Er war mein unmittelbarer Chef, erteilte Arbeit, nahm sie an, gab Ratschläge. Dieser Mensch machte das ganz freiwillig. Warum? Er verstand wohl meine Situation, verstand, dass ich Waise war, machte sich Sorgen, dass ich in Sumpf gerate. Nach der Arbeit lud er mich oft zu sich nach Hause ein, für ihn war ich wie ein Familienmitglied. Dann, als ich selbständig wurde, befreundeten wir uns für das ganze Leben.

Zu sagen ist, dass andere Erwachsene auch halfen. Auf „Arsenal“ arbeiteten Fachleute von sehr hoher Qualifikation. Und wenn ich mich an sie mit den Fragen nicht meines Profils wandte (in Bezug auf Mechanik, Markierung usw.), zog niemand die Brücke auf.

— Also, das Leben veränderte sich zum Besten, wenn man so sagen kann …

— Als ich aufs “Arsenal” kam, wurde das Leben viel leichter. Es fehlte nur an Essen. Obwohl wir 350 g Brot bekamen. Morgens nimmst du dieses Brot plus Kaffee mit Saccharin — und das wäre alles. Im Jahre 1943 verkehrten die LKWs auf dem Ladogasee. Wir bekamen zusätzliche Lebensmittelkarten, auf die man uns Brei gab. Im Speiseraum konnte man Hefesuppe oder Schrots (aus Spänen) bekommen, je weiter, desto mehr: ein Stück Butter oder Speck wurden hinzugefügt.

Der Weg von meinem Haus zum “Arsenal” nahm viel Zeit in Anspruch, und mein Onkel sprach mit einem Hausmeister, so zog ich auf die Arsenalnaja Straße um. Im Winter übernachtete ich gewöhnlich auf dem Werk. Das Zimmer heizte ich nicht, weil ich kein Holz hatte. Aber im Büro der Abteilung gab es einen Herd. Als die Schicht — 12 Stunden — vorbei war, schlief ich auf dem Tisch oder wo es auch sei.

Neben der Abteilung wurde ein Deckungsgraben gemacht. Wenn Bombardieren begann, kam man dorthin. Unters Bombardieren geriet ich dreimal. Einmal in der Stadt im Jahre 1943, einmal hier, neben unserer Abteilung. Eines Tages kam ich rein, und da begann das Bombardieren. Ein Geschosskörper fiel und verwundete die Wachehabenden. Und der zweite traf die Wand. Noch ein halber Meter und er wäre in meinem Zimmer. Türe und Fenster wurden ausgeschlagen, und das bei klirrendem Frost. Unweit arbeitete ein Alter, er kam zu mir: „Michail, bist du am Leben?“ An die Fenster hängten wir Decken, der Alte hatte einen Herd. Auf diesem Herd saßen wir bis Morgen. Am Morgen ging ich in unsere Abteilung.

— Und wie begingen Sie die Aufhebung der Blockade?

— Sowohl die Aufhebung der Blockade als auch den Tag des Sieges beging ich auf „Arsenal“. Ich weiß noch ganz genau: als diese Nachricht kam, arbeitete ich auf der Newaer Seite. In der Mittagspause ging ich nach Hause. Auf dem Weg zurück sah ich, dass man durch die Komsomol-Straße gefangengenommene Deutsche führte, eine große Kolonne, etwa fünfzig Mann. In Decken eingewickelt, an den Füssen Strohüberzieher. Wissen Sie, es gab keinen Hass, keine Bosheit, ich fand sie komisch, solche Krieger! Es wurde klar, dass der Krieg bald zu Ende sei.

— Es war Krieg, aber sogar unter solchen Bedingungen schlug man kein Kreuz über normale menschliche Freuden. Was gab es im Leben der Arsenalarbeiter außer Produktion? 

— Alle Unterhaltungen fanden im Garten neben dem Zentraleingang statt. Abends, wenn es keinen Alarm und kein Bombardieren gab, tanzte man bei Akkordeon oder Handharmonika.  Es gab Tanzen auch auf dem Territorium des Werkes, neben den Wohnheimen. Rechts vom Zentraleingang im Erdgeschoss befand sich die Personalabteilung, und im ersten und zweiten Stock lag das Wohnheim für Männer. Links lag das Wohnheim für Frauen. Ein Wohnheim gab es auch im Gebäude N 108. Daneben veranstaltete man Tanzen. Filme zeigte man auf „Arsenal“ auch ziemlich oft.

— Und was war in Ihrem Leben nach dem Krieg?

— Im Jahre 1941 absolvierte ich die 6. Klasse. Dann, auf dem Werk, besuchte ich die Schule der arbeitenden Jugendlichen (so eine gab es bei „Arsenal“). Wie es damals auferlegt war, absolvierte ich sieben Klassen. Dann, nach der Meisterschule, wurde ich Schichtmeister. Beschäftigte mich mit allem, was mit Wärmetechnik, Heizung, Sonderausrüstungen verbunden ist. War Vorbereitungsmeister, man schlug mir vor, Abteilungsleiter zu werden, aber ich verzichtete darauf und blieb lange Zeit Stellvertreter des Leiters der wärmetechnischen Abteilung.

Ich war für Sport begeistert, wurde Sportmeister, spielte Knüttelspiel.

Unsere Mannschaft von “Arsenal” wurde mehrmals Meister von Leningrad, es gab auch persönliche Meister, Mitglieder der Stadtauswahl, wir nahmen an der Meisterschaft der Sowjetunion teil.

Seit Anfang der 90-er Jahre bin ich pensioniert. Ich lebe mit meiner Ehefrau, die ich auf „Arsenal“ kennenlernte und mit der ich vor kurzem unsere Brillanthochzeit feierte, wir erziehen unsere Enkelkinder.


Xenija Tscherentzowa